… und mich das richtig sauer macht.
Pünktlich alle zwei Wochen stehe ich im Supermarkt vor dem Regal mit den Haferflocken (mein tägliches Frühstück: Overnight Oats mit Obst). Links Bio, rechts konventionell. Ein kleiner Preisunterschied, der trotzdem oft groß genug ist, um meine Entscheidung zu kippen. Ich nehme nicht die günstigere Packung, weil ich dahinterstehe, sondern weil mein Konto den Kopf schüttelt.
Das Gefühl, sich gegen die eigenen Werte zu entscheiden
Natürlich sind die Haferflocken nur ein Platzhalter, im Grunde sind sie austauschbar gegen Milch, Obst, Brot und sämtliche andere Waren.
Aber ist es nicht erstaunlich, wie wenige Cent reichen, um den eigenen Anspruch auszuhebeln? Ich weiß genau, warum Bio sinnvoller wäre: gesündere Böden, weniger Pestizide, stabilere Erträge. Und trotzdem gewinnt die Zahl auf dem Preisschild. Es fühlt sich an wie Verrat, obwohl mein Verstand mir sagt, dass nicht ich das Problem bin.
Die Cents, die entscheiden
Der Kopf macht automatisch einen schnellen Check: zwei Produkte, gleicher Zweck, kleiner Preisunterschied – und schon kippt die Entscheidung. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit der Art, wie unser Gehirn und unser Budget funktionieren. Preispsychologie schlägt Überzeugung, besonders wenn das Geld knapp ist.
Nachhaltigkeit ist keine Frage des Charakters, sondern des Einkommens
Es ärgert mich, wenn nachhaltiger Konsum als moralische Pflicht verkauft wird. Denn für viele Menschen ist es schlicht eine Budgetfrage. Wer rechnen muss, hat weniger Spielraum – fertig.
Im Moment ist Nachhaltigkeit noch ein Privileg, das man sich auch leisten können muss.
Transparenz? Fehlanzeige
Was es auch nicht gerade erleichtert: Die Regale sind voll mit Siegeln, Versprechen, halbgaren Aussagen. Wie soll man „gute“ Entscheidungen treffen, wenn die Informationen verwirrend oder gefühlt widersprüchlich sind?
Das ist kein guter Nährboden für konsequent-nachhaltiges Einkaufen.
Die echten Kosten zahlen wir viel später
Was mich am meisten stört: Es wird so getan, als wäre konventionelle Ware selbstverständlich günstig.
Ist sie nicht.
Der Preisvorteil der konventionellen Landwirtschaft entsteht nicht durch Effizienz, sondern durch ausgelagerte Schäden. Bodenverlust, Gewässerverschmutzung, Pestizidbelastung und CO₂-Emissionen tauchen nicht in unserem Kassenbon auf. Diese externen Kosten zahlen wir später – über Steuern, höhere Krankheitskosten und Klimafolgen. Der aktuelle Preis ist schlicht eine Illusion. Und wir zahlen sie alle!
Würden wir die realen Folgekosten einrechnen, läge Bio preislich vorn
Ich bin sicher: Wenn man ehrlich rechnet, müsste die nachhaltige Option die günstigere sein. Logisch, denn nachhaltiger bedeutet weniger Umweltzerstörung, weniger Folgekosten, weniger Risiko. Bio sollte der Standard sein, nicht die Luxusvariante.
Wer versteht eine Subventionslogik, die Produktionsmenge statt Nachhaltigkeit belohnt?
Große Betriebe profitieren überproportional von EU-Direktzahlungen, unabhängig davon, wie umweltschädlich sie wirtschaften. Nachhaltige Landwirtschaft arbeitet dagegen mit höheren Umweltstandards und geringerer Flächeneffizienz, wird aber kaum unterstützt.
Auch der Handel trägt zur Schieflage bei:
Ein paar wenige Ketten besitzen enorme Marktmacht. Sie drücken Einkaufspreise bei konventionellen Produzenten leichter als bei Bio-Betrieben, weil dort schlicht weniger Spielraum besteht. Das Ergebnis: Konventionell bleibt künstlich billig, Bio bleibt künstlich teuer.
Die kurzfristigen Skaleneffekte:
Konventionelle Massenproduktion ist pro Einheit günstiger als kleinere Bio-Gebinde. Langfristig ist dies jedoch kein Naturgesetz, sondern eine Frage politischer Rahmenbedingungen. Gleiches gilt für die steuerliche Schieflage, denn CO₂-intensive Produktionsweisen werden kaum belastet.
Wenn nachhaltige Produkte wirklich zum Standard werden sollen, muss die Preisstruktur das widerspiegeln.
Die logische Konsequenz: Bio-Produkte sollten günstiger sein als konventionelle.
Das wäre auch kein Idealismus, sondern eine ehrliche Kostenrechnung.
Meine Überzeugung
Nachhaltiger Konsum wird gern als individuelle Verantwortung verkauft. Faktisch scheitert er jedoch an einem Markt, der falsche Preise setzt. Bio-Produkte gelten weiterhin als „Premium“, während konventionelle Ware günstig erscheint – obwohl sie langfristig deutlich höhere Kosten verursacht.
Ich bin nicht das Problem. Und du auch nicht. Das „System“ (wobei ich diesen Ausdruck in Frage stelle, mir aber kein besserer einfällt) setzt die falschen Anreize. Ich wünsche mir eine Welt, in der die richtige Entscheidung nicht teurer ist als die falsche. Eine Welt, in der ich vor zwei Packungen Haferflocken stehe und die nachhaltige Option die günstige ist.
Ich wünsche mir ein System, in dem die moralisch richtige Entscheidung gleichzeitig die erschwingliche ist. Bio sollte günstiger sein als konventionell. Nicht, weil es „edel“ oder „besser“ klingt, sondern ganz einfach weil es die realen Kosten widerspiegelt.
Bis dahin bleibe ich die, die im Supermarkt vor zwei Packungen Haferflocken steht und sich fragt, warum Vernunft teurer ist als Ignoranz.
In meinem MoRüBli Dezember schreibe ich übrigens über mein neues Hobby, das gut zum Thema hier passt: Flugblatt-Shopping.
Ich bin schon sehr gespannt auf deinen Dezember MoRüBli und das Flugblatt-Shopping, denn ich bin selbst eine begeisterte Flugblatt-Shopperin und eine der wenigen Menschen (so zumindest mein Eindruck, den mir meine Umgebung spiegelt), die es liebt, Lebensmittel einkaufen zu gehen. Spar, Billa, Hofer – mit meinem Hofer next door – besuche ich täglich, manchmal mehrmals, da sie in meine tägliche Schritte-Routine eingebunden werden. Dass wir die „billigen“ Produkte teuer bezahlen (werden), sehe ich genauso, denn sie basieren auf einer Lüge. Und auch, dass die Produzenten und Lebensmittelkonzerne zur Verantwortung gezogen werden müssen und nicht alles den Konsumenten aufgebürdet wird …
Zusätzlich zum Preis, der natürlich ein wichtiges Kriterium ist, besonders wenn das Budget knapp ist – sehe ich aber auch noch den „Kampf“ zwischen „selbst kochen“ und auf schnelle – aber teure (wenn man genau rechnet) Fertigprodukte zuzugreifen. Weil man entweder nicht kochen will oder nicht kann oder einfach zu ausgelaugt ist, um zu kochen.
Was ich in vielen Einkaufswägen sehe, schockiert mich immer wieder. Vor allem die süße und teure Plörre aka Energydrinks und Softdrinks. Komplett nutzlos und zusätzlich schädlich. Dann die vielen Süßigkeiten mit viel Zucker, billigem Industriefett (Butterreinfett) und ein paar Aromastoffen. Dann der Schmäh mit den Protein-Produkten und industriellen Fertigprodukten … überteuerten Smoothies und Shots in Plastikflaschen …
Es gibt enorme Preisunterschiede – auch bei Bio:
Bio-Haferflocken Ja-Natürlich, 500 g bei Billa: 1,39
Bio-Haferflocken Dm-Bio, 500 g bei DM: 0,95
Bio-Haferflocken Dm-Bio, 1000 g bei DM: 1,75
Bio-Haferflocken Zurück zum Ursprung, 500 g bei Hofer: 1,39 (welch ein Zufall!)
Die ja-natürlich und zurück-zum-Ursprung Haferflocken kommen aus Österreich und das DM-Produkt aus Deutschland; da haben wir wieder den berüchtigten Ö-D-Effekt, wo wir hier in Ö für alles mehr bezahlen.
Wie cool ist das bitte, wenn der Kommentar länger ist als der ganze Blogartikel! Danke für deine super-tollen Ausführungen, du sprichst mir aus der Seele, liebe Uli. Ich liebe es auch, Lebensmittel einzukaufen, allerdings nur, wenn ich genug Kleingeld im Börserl (aufm Konto) habe, aber das ist eine andere Geschichte. Und ich gehe auch nur einmal pro Woche los, und manchmal zwidu zum Drogeriemarkt. Ansonsten schau ich, dass ich meine Einkaufliste pedantisch genau abarbeite und versuche, Zufallsshopping zu vermeiden. Wir wissen ja, wie das endet, wenn man sich zu sehr ablenken lässt ;-).
Die Haferflocken vom Hofer mag ich leider nicht, die sind mit zu staubig, nicht kernig genug. Und DM ist halt auch so eine Geschichte, aber das führt hier zu weit.
Danke dir für deinen Kommentar und liebe Grüße Richtung Kaisermühlen!