Ich bekomme täglich Newsletter: von Smarticular, von Menschen, die mit Pinterest reich geworden sind, von Supplemente-Herstellern, die mir erklären, warum genau ihr Magnesium anders (und besser) ist als alle anderen.
Und ich lese täglich Blogbeiträge, am liebsten natürlich über meine Lieblingsthemen: Texten, KI, Medizin und Gesundheit, Beauty (in meinem zweiten Leben betreibe ich einen Hautpflegeblog und bin immer auf der Suche nach aktuellen Themen).
Beim Lesen all dieser Texte geht es mir vermutlich so wie Millionen anderen Lesern auch:
Nach zwei Sätzen ist entweder das Interesse weg – es sei denn, ich brauche den Inhalt gerade lebensnotwendig – oder ich halte durch bis zum Schluss und bin am Ende richtig guter Laune.
Was den Unterschied macht, ist selten der Inhalt, denn ohne Interesse am Thema würde ich gar nicht beginnen zu lesen.
Es ist etwas anderes – etwas, das mit den üblichen Sprüchen wie „KI-Texte sind unpersönlich“ oder „KI-Texte klingen wie Lehrbücher“ nicht erklärbar ist.
Die Sprüch sind schon richtig, aber sie erklären nicht, warum ein Text ohne Widerhaken durch meine Hirnwindungen rauscht, während ein anderer mich von der ersten bis zur letzten Zeile mitnimmt.
Genau darum geht es in diesem Artikel: KI-Texte menschlich machen – und zwar nicht oberflächlich, sondern an der Wurzel. Schauen wir uns das mal genauer an.
Die Vorhersehbarkeit
Diesen Effekt kennen vermutlich viele, ohne ihn genau benennen zu können: Bei einem KI-Text weißt du oft nach dem ersten Satz eines Absatzes ungefähr, wie er enden wird. Das gleiche Phänomen kennst du von 99,9 % aller Liebesromane.
Die Struktur ist zu logisch, zu erwartbar. Erst die Behauptung, dann die Erklärung, dann die Zusammenfassung. Kein Umweg, keine Überraschung, kein Gedanke, der woanders hinführt, als man erwartet hätte.
Unser Gehirn liebt aber diese kleinen Umwege. Sie sind der Grund, warum wir bei einem guten Gespräch dranbleiben und bei einem schlechten Vortrag abschalten. Sie sind auch der Grund, warum es etwa nach 80 % eines Liebesromans zu einem riesigen Missverständnis oder einem anscheinend endgültigen Zerwürfnis kommt, bevor das Happy End winkt.
Ein Mensch, der schreibt, springt gerne manchmal kurz zur Seite, bevor er zum Punkt zurückkommt. Vielleicht fängt er einen Satz mit einer Beobachtung an, die im ersten Moment nichts mit dem Thema zu tun zu haben scheint, aber an dieser Stelle, an diesem kleinen Umweg macht der Text neugierig, weiterzulesen.
Die Reibung
Ist dir das schon einmal aufgefallen? KI-Texte vermeiden Reibung. Sie haben keine Meinung, keine Vorliebe, keine kleine Abneigung. Sie würden niemals schreiben: „Ehrlich gesagt halte ich diesen Rat für überbewertet“ oder „Was mich an diesem Mythos nervt, ist, dass er sich einfach nicht totkriegen lässt.“ Es sei denn natürlich, der Mensch hat die KI damit beauftragt.
Falls du selbst KI für deine Texte nutzt: Ist es dir auch schon öfter so gegangen, dass du falsche Fakten geliefert bekommst, dies bemängelst und die KI dir dann mehr oder weniger unterwürfig recht gibt? Genau, keine Reibung!
Genau diese Reibung ist aber das, woran sich Lesen klammert. Ohne Widerspruch, ohne Position, ohne kleine Ecken und Kanten gleitet ein Text einfach am Gehirn ab – es gibt nichts, an dem die Aufmerksamkeit haften bleiben könnte.
Ein Text ohne Reibung ist wie ein Gespräch, in dem dein Gegenüber jedem zustimmt.
Höflich, aber seltsam leer.
Die Redundanz
KI-Texte wirken auf den ersten Blick oft inhaltsreich: Sie benutzen viele Wörter, viele Fachbegriffe, viele Nebensätze. Aber Inhaltsreichtum und Wortmenge sind zwei verschiedene Dinge. Tatsächlich braucht ein Mensch mit echtem Fachwissen oft einen einzigen Satz für etwas, wofür eine KI drei Sätze formuliert – einfach, weil er weiß, was wichtig ist und was weggelassen werden kann. (Spoil: Natürlich funktioniert das auch andersherum, wenn man die KI entsprechend brieft ;-))
Das ist der Unterschied zwischen informativ klingen und informativ sein. Ein KI-Text erklärt etwa ausführlich, was eine Hautbarriere ist, bevor er zur eigentlichen Aussage kommt. Ein erfahrener Dermatologe sagt einfach: „Deine Haut reagiert, so, weil ihre Schutzschicht löchrig ist wie ein Sieb.“
Ein Satz – und der Patient versteht mehr, als drei Absätze KI-Erklärung je vermitteln könnten.
Tipp: Lass deinen KI-Text nach der Fertigstellung einmal auf Redundanz prüfen (sinnvollerweise durch eine KI).
Das Spiegel-Phänomen
Es gibt einen Effekt, den man fast als Spiegel-Phänomen beschreiben könnte: Beim Lesen sucht unser Gehirn ständig – meist unbewusst – nach der Frage „Meint er mich?“ Ein Text, der wirklich zu uns spricht, fühlt sich an, als hätte ihn jemand für genau unsere Situation geschrieben. Ein generischer Text dagegen spricht für niemanden speziell und entsprechend fühlt sich auch niemand speziell angesprochen.
KI-Texte sind auf Durchschnitt optimiert. Sie versuchen, für möglichst viele Leser passend zu sein, und das macht sie für jeden Einzelnen weniger relevant. Ein Mensch, der schreibt, hat dagegen eine ganz konkrete Person vor Augen, oft sogar eine „echte“. Den Patienten, der letzte Woche genau diese Frage gestellt hat, die Mutter, die sich Sorgen um den Hautausschlag ihres Kindes macht, den Mann, der seit Monaten Rückenschmerzen hat und nicht mehr weiß, welchem TikTok-Hype er noch glauben soll.
Was das für deine Texte bedeutet
Diese vier Mechanismen – Vorhersehbarkeit, fehlende Reibung, aufgeblasene Information oder Redundanz, Spiegel-Phänomen – erklären, warum viele Texte zwar fachlich richtig sind, aber trotzdem an Lesern vorbeirauschen. Sie erklären auch, warum das Nachbessern eines KI-Textes mit ein paar Synonymen oder weniger Floskeln selten reicht: Das Grundproblem liegt nicht an der Wortwahl, sondern an der Struktur des Denkens dahinter.
Vier Mechanismen, vier Lösungen
Vorhersehbarkeit → Schreib so, wie du tatsächlich denkst, z. B. wenn du einem Patienten etwas erklärst – inklusive der kleinen Abschweifungen, die in echten Gesprächen automatisch passieren. Sei authentisch (ja, auch wenn das mittlerweile abgegriffen klingt).
Fehlende Reibung → Lass beim Schreiben einfach zu, was du wirklich denkst – auch wenn es nicht hundertprozentig „neutral“ oder auch mal widersprüchlich klingt. Unbequeme Wahrheiten zeichnet aus, dass sie eben wahr sind. Besser ein bisschen wehtun als glattgebügelte Leblosigkeit.
Wörter statt Inhalt → Schreib das auf, was am wichtigsten ist – ohne Umschweife –, und ergänze das, was wirklich zum Verständnis nötig ist. Was aus dem Kontext klar wird, muss nicht zweimal geschrieben werden.
Spiegel-Phänomen → Hab beim Schreiben eine bestimmte Person vor Augen – nicht „die Zielgruppe“, sondern jemanden ganz Konkretes mit Situation und Sorge. Und glaub mir: Der Rest der Leserschaft fühlt sich dadurch nicht ausgeschlossen – im Gegenteil, Konkretheit wirkt fast immer universeller als Allgemeinheit, auch wenn’s paradox klingt.
Für einen Menschen mit echtem Fachwissen sind alle vier Lösungen naheliegend, weil sie auf etwas zurückgreifen, das eine KI gar nicht hat – echte Erfahrung, echte Meinungen, echtes Wissen darüber, was wichtig ist, und echte Erinnerungen an echte Patienten. Es geht also nicht darum, etwas Neues zu lernen. Es geht darum, das, was du sowieso schon weißt, auch tatsächlich aufzuschreiben – mit kleinen Umwegen, mit Haltung, mit Verdichtung, mit einer konkreten Person im Kopf.
Apropos Vorhersehbarkeit ;-):
Wenn du beim Lesen jetzt öfter gedacht hast „Oh nein, das klingt nach meinen Texten“ und du das ändern möchtest, möglichst aber nicht allein – weil dir die Zeit fehlt, weil der Blick von außen hilft, oder weil professionelles Schreiben eben auch ein Handwerk ist: Schau mal in mein MedText-Klarheitspaket.
Wer schreibt hier?

Ich bin Ulrike Storny, medizinische Texterin und Content-Strategin aus Wien. Ich helfe Experten im Gesundheitsbusiness, ihr Fachwissen so zu vermitteln, dass es bei ihren Patienten und Kunden ankommt – verständlich, persönlich und unverwechselbar nach ihnen klingend.
Emotionale statt künstliche Intelligenz.
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